Die Hormone

Geschlechterspezifische Medizin

Gle­ich­berech­ti­gung – Wie in so vie­len anderen Bere­ichen zeigt sich auch in der Medi­zin, dass Gle­ich­berech­ti­gung nicht bedeutet gle­ich behan­delt zu wer­den, son­dern vielmehr das Zugeständ­nis von gle­ichen Recht­en. Frauen* haben genau­so wie Män­ner das Recht auf die best­mögliche medi­zinis­che Behandlung. 

Aber ist das aktuell so?

Funk­tion­ieren Män­nerkör­p­er und Frauenkör­p­er gle­ich und soll­ten deswe­gen auch unter­schied­s­los behan­delt werden?

Bish­er gibt es deutsch­landweit nur ein Insti­tut, das sich genau dieser Frage wid­met. Das Insti­tut für Geschlechter­medi­zin der Char­ité betra­chtet die Unter­schiede von Frauen und Män­nern in ver­schiede­nen Krankheit­sprozessen und berück­sichtigt dabei sowohl die biol­o­gis­che („sex“), als auch die soziokul­turelle Dimen­sion. Frauen haben einen anderen Organ­is­mus auf­grund der Gen­ex­pres­sion des zusät­zlichen X‑Chromosoms, ihrer Repro­duk­tion­sor­gane und Sex­u­al­hor­mone. Zusät­zlich sind Män­ner und Frauen unter­schiedlich mit Enzy­men aus­ges­tat­tet und der unter­schiedliche Fet­tan­teil des Kör­pers sorgt für eine verän­derte Gewe­bev­erteilung von Medikamenten. 

Im klin­is­chen All­t­ag wird allerd­ings sel­ten eine gewicht­sadap­tierte oder geschlecht­sadap­tierte Dosis von Medika­menten gegeben, da es dazu kaum Stu­di­en oder Empfehlun­gen gibt.

Aber auch die unter­schiedliche gesellschaftliche Prä­gung hat Auswirkung auf das Risiko- und Präven­tionsver­hal­ten von Frauen*. 

So ist Lun­genkrebs die häu­fig­ste Kreb­stodesur­sache bei Män­nern. Betra­chtet man

alters­stan­dar­d­isierten Erkrankungs- und Ster­ber­at­en entwick­eln sich diese bei bei­den Geschlechtern jedoch gegen­läufig. Seit Ende der 1990er Jahre stiegen sie bei den Frauen kon­tinuier­lich an, wohinge­gen die Rat­en der Män­ner im gle­ichen Zeitraum zurück­gin­gen. Diese unter­schiedliche Entwick­lung kann auf die bere­its länger zurück­liegende Verän­derung der Rauchge­wohn­heit­en zurück­ge­führt wer­den und wird sich ver­mut­lich noch weit­er fortsetzen.

In den Leitlin­ien oder in Lehrplä­nen für Medi­zin­studierende find­et das The­ma der geschlechtsspez­i­fis­chen Medi­zin kaum Raum. Dabei ist die Sen­si­bil­isierung an diesen Stellen unglaublich wichtig.

Dat­en aus den USA zeigen, dass Frauen immer noch häu­figer als Män­ner an einem Herz­in­farkt ster­ben. Die Sterblichkeit hängt noch dazu davon ab wer sie behan­delt: Wird eine Pati­entin von ein­er Ärztin behan­delt über­lebt sie sta­tis­tisch gese­hen deut­lich häu­figer. (PNAS: Green­wood et al., 2018)

                         Der Mann gilt als Standart

Oft wer­den in Stu­di­en nur Män­ner eingeschlossen. Nach­dem in den Sechziger­jahren Tausende Frauen, die in der Schwanger­schaft das Schlaf- und Beruhi­gungsmit­tel Con­ter­gan genom­men hat­ten, Kinder mit Fehlbil­dun­gen zur Welt gebracht hat­ten, wur­den Frauen teil­weise kat­e­gorisch von klin­is­chen Medika­menten­stu­di­en ausgeschlossen.

Ein weit­er­er Grund ist, dass Frauen als Proband*innen eine Studie deut­lich verkom­plizieren, da eine höhere Teilnehmer*innenzahl nötig ist, um eine mögliche Bias (Verz­er­rung des Ergeb­niss­es) durch den weib­lichen Hor­monzyk­lus zu minimieren.

Doch diese Scheu riskiert die Gesund­heit von Frauen*.

Wir fordern eine Annäherung von Notwendigkeit und Real­ität um die Qual­ität der medi­zinis­chen Ver­sorgung von Frauen* und Män­ner sicherzustellen und zu verbessern – denn das ist unser aller Recht.

Hin­weis: Wir ver­wen­den das Wort Frau und meinen damit das biol­o­gis­che Geschlecht, da die meis­ten Stu­di­en und Dat­en auf den genetisch spez­i­fis­chen bio­chemis­chen Prozessen des weib­lichen Kör­pers basieren. Mit Frau* inkludieren wir dann auch alle, die sich als Frau definieren und berück­sichti­gen damit das soziokul­turelle Gender.

Der Kon­flikt zwis­chen Hor­mo­nen und medi­zinis­che Studien:

Da der hor­monelle Haushalt von Frauen extremer ver­läuft als bei Män­nern, kommt es an unter­schiedlichen Tagen zu unter­schiedlichen Ergeb­nis­sen. Hier spie­len auch die Wech­sel­jahre eine maßge­bliche Rolle, in denen sich der weib­liche Hor­mon­haushalt drastisch verän­dert. Zudem brin­gen Ver­hü­tungsmit­tel medi­zinis­che Ergeb­nisse “durcheinan­der”. Bei Schwanger­schaften hört die Probandin­nen-Rolle gän­zlich auf. Spätestens nach dem Con­ter­gan Skan­dal Anfang der 60er Jahre wis­sen alle, welche Kon­se­quen­zen solche Stu­di­en auf das Kind haben kön­nen. Daher wer­den kaum medi­zinis­chen Stu­di­en an Schwan­geren durchgeführt.