Pissen ist politisch

Geschichte

Das erste “Wasserk­los­ett” wurde 1775 vom schot­tis­chen Erfind­er Alexan­der Cum­ming erfun­den. Darauf fol­gten weit­ere Jahrzehnte bis Gazeneuve et Com­panie im 19. Jahrhun­dert in Paris einen geruchlosen Abtritt erfand.

Dem­nach war die Erfind­ung der Toi­lette geprägt von klu­gen wis­senschaftlichen Köpfen, jedoch nur von Män­nern. Die Frau befand sich zu jen­er Zeit in ein­er pas­siv­en Rolle der Gesellschaft. So wurde der Ansatz der Toi­lette bis in das 21. Jahrhun­dert von den vorheri­gen Erfind­ern über­nom­men und aus­ge­baut. Zahlre­ich wur­den die hygien­is­chen Vor- und Nachteile von diversen Toi­let­ten­sys­te­men aufgezeigt.

 

Die Kon­stuk­tion

Öffentliche Toi­let­ten sind für Frauen eine Bürde. Nicht nur, dass es oft zu wenige Toi­let­ten gibt und diese die nicht aus­re­ichend mit Toi­let­ten­pa­pi­er aus­ges­tat­tet sind, es ist vielmehr die Kon­struk­tion der Toi­lette. Sicher­lich, eine nor­male saubere Toi­lette bietet eine angenehme Sitzmöglichkeit, jedoch sind öffentliche Toi­let­ten sel­ten sauber. Also muss Frau sich anders helfen. Dabei wur­den schon die unter­schiedlich­sten Posi­tio­nen erfun­den, um nicht mit den Fäkalien der Vorgän­gerIn­nen in Berührung zu kom­men. Keine dieser Posi­tio­nen ist bequem oder lässt die Not­durft in ein­er angenehmen Art bewälti­gen. Denn schw­er lässt die Blase sich entspan­nen, wenn Frau sich nach hin­ten beugt, einen bes­timmten Abstand zur Toi­lette wahren und Bal­ance hal­ten muss. Während dieses gesamten Vor­ganges muss zusät­zlich darauf geachtet wer­den, dass kein Klei­dungsstück den Boden berührt, da dieser extrem ver­dreckt ist und es keine Klei­der­hack­en gibt. Also ist der Toi­let­ten­gang auf solchen öffentlichen Toi­let­ten vor allem für Frauen ein würde­los­er Akt. Die Kon­se­quenz: viele Frauen hal­ten zurück, was eigentlich raus sollte, bis sie sich wieder “gesit­tet” erle­ichtern können.

Die neuste Erfind­ung, vor allem auf Fes­ti­vals, ist die Urinel­la. Oval, Prak­tisch und gewöh­nungs­bedürftig. Jedoch kann Frau nicht immer zu genüge Urinel­las mit­nehmen und diese sind zudem durch den Mate­ri­alver­brauch schlecht für die Umwelt. Hinzu kommt, dass es als Frau doch recht unan­genehm ist sich an das Pis­soir zustellen und dabei entspan­nt zu wirken, während rund­herum Män­ner sind, denen die Sit­u­a­tion auch ungewöhn­lich vorkommt.

Zweck­mäßige Toi­let­ten sind eine Notwendigkeit und ein grund­sät­zlich­es Men­schen­recht. Das Ver­richt­en der Not­durft gehört zu den ersten Grundbedürfnis­sen. Nach der Wan­der­ausstel­lung der Ger­man Toi­let Orga­ni­za­tion (GTO) „San­i­ta­tion is Dig­ni­ty“ bedeutet Toi­lette auch gle­ich Würde. 

zu wenige Toiletten

Im öffentlichen Raum gibts es kaum Toi­let­ten. Die Debat­te nach mehr öffentlichen Toi­let­ten ist ins­beson­dere in der Zeit der Pan­demie brisant, da es keine Kaf­fees, Restau­rants oder Bars gibt, die neben den öffentlichen Toi­let­ten eine Möglichkeit bieten, das ele­mentare Grundbedürf­nis zu befriedi­gen. Durch die Schließung aller Lokale ist die Möglichkeit eine Toi­lette aufzufind­en noch geringer geworden. 

 

Im Falle des Fall­es, dass eine öffentliche Toi­lette sauber gehal­ten wurde und Frau sich hin­set­zen kann, wer­den beim Wasser­lassen Bak­te­rien von der Innen­seite der Toi­lette hochge­spritzt, die sich im Gen­i­tal­bere­ich fest­set­zen können.

 

Die Benutzungs­ge­bühr

Vor allem Frauen und unsere älteren Mit­bürg­erIn­nen sind von dieser Benutzungs­ge­bühr betrof­fen, da es kaum Alter­na­tiv­en für die Befriedi­gung des Grundbedürfniss­es außer­halb der eige­nen Woh­nung gibt. Während in der Stadt ver­mehrt kosten­lose Pis­soirs für Män­ner aufzufind­en sind, ist die Mehrzahl der Sitz­toi­let­ten mit ein­er Benutzungs­ge­bühr verse­hen. Ins­beson­dere für Frauen ist der Toi­let­ten­gang in der Öffentlichkeit mit einem Koste­naufwand ver­bun­den. Dabei sagt das Grundge­setz schon: 

    Art. 3 Abs. 2 “Män­ner und Frauen sind gle­ich­berechtigt. Der Staat fördert die     tat­säch­liche Durch­set­zung der Gle­ich­berech­ti­gung von Frauen und Män­nern und     wirkt auf die Besei­t­i­gung beste­hen­der Nachteile hin.”

Die heutige Toi­let­ten­si­t­u­a­tion im öffentlichen Raum wider­spricht dem Gle­ich­heits­grund­satz des Grundge­set­zes.  Die Benutzung ein­er Toi­lette im öffentlichen Raum ist somit speziell für Frauen mit dem Glück ver­bun­den einen Abort zu find­en und dazu noch die Benutzungs­ge­bühr bei sich zu tragen. 

 

Die ungerechte Gastsädtenverodnung

Nicht nur in der Stadt herrscht eine Ungle­ich­heit bei den geschlechter­spez­i­fis­chen Anforderun­gen von Toi­let­ten. Auch die ver­schiede­nen län­der­spez­i­fis­chen Gast­städten­verord­nun­gen beweisen, dass Frauen in der Auswahlmöglichkeit von Toi­let­ten in Bezug auf die Män­ner benachteiligt sind. So ist es in der Berlin­er Vorschriften- und Recht­sprechungs­daten­bank geset­zlich vorgeschrieben, dass auf 50 bis zu 150 BesucherIn­nen zwei Damenk­abi­nen und eine Her­renk­abine sowie zwei Pis­soir Beck­en kom­men müssen. Hier­bei wer­den Frauen mit ein­er Mick­tier­stelle weniger benachteiligt. Bei 150 bis 300 BersucherIn­nen sind es vier Damenk­abi­nen und zwei Her­renk­abi­nen mit vier Pis­soir Beck­en, wobei eine Dif­ferenz von zwei Mick­tier­stellen bei den Frauen berech­net wird. 

 

Keine Hak­en

Frauen tra­gen meis­tens eine Hand­tasche mit sich oder müssen sich für den Toi­let­ten­gang weitaus mehr entk­lei­den als Män­ner. Auf Toi­let­ten gibt es jedoch oft keine Klei­der­hak­en, an die Frau kurz ihre Sachen hin­hän­gen kön­nte. Während es auf Män­ner­toi­let­ten im Pis­soir mit­tleier­weile Fußball­tore gibt, welche die Tre­f­fer­quote steigern sollen, gibt es für Frauen nicht ein­mal kleine Hak­en, um bequem die Not­durft zu verrichten.

Das Problem mit den Handtaschen und Latzhosen
Wie zu erkennen ist, ist die heutige Toilettenkonstruktion nicht für Frauen geschaffen. Dabei lässt sich fragen warum bis zum 21. Jahrhundert die Thematik einer würdevollen Handhabung von öffentlichen Toiletten für Frauen und für Männer nicht aufgeworfen wurde.

Öffentlich­es Urinieren ist ver­boten! Jedoch set­zten sich die Men­schen häu­fig über diese Regel hin­weg. Vor allem für Män­ner ist es ein­fach, kurz an den Baum, Schlitz auf und fer­tig. Die Frau muss hinge­gen einen guten Ort find­en, an dem sie nicht gese­hen wird und muss die gesamte Hose herun­terziehen. In dieser Sit­u­a­tion ist die Frau schut­z­los der Öffentlichkeit aus­geliefert. Da es oft keine öffentliche Toi­lette gibt, ist der Drang nach Wasser­lassen also immer mit der Suche nach einem geeigneten Sitz­platz ver­bun­den. Öffentliche Toi­lette sind zudem mit ein­er Benutzungs­ge­bühr von 50 Cent bis zu 1 € verse­hen. Für Frauen ist der Toi­let­ten­gang in der Öffentlichkeit dem­nach mit einem Koste­naufwand ver­bun­den. So sollte die Anzahl der öffentlich freizugänglichen Toi­let­ten in Deutsch­land eben­falls über­dacht werden. 

Die Welt braucht würdevoll benutzbare Toiletten, in der jeder nach eigenem Maß entscheiden kann, ob die Vorrichtung für die eigenen elementaren Bedürfnisse angepasst ist.

Ein weit­er­er pos­i­tiv­er Zweck dieser Toi­let­tenkon­struk­tion ist, dass der Mythos von der Frau, die nicht fla­tu­iert und defäkiert, zur Ver­gan­gen­heit wird. Das Zurück­hal­ten von Gasen und Stuhl­gang außer­halb ihres pas­siv­en Lebens ist für viele Men­schen eine gesund­heitliche Belastung.

Wir fordern eine ganzheitliche Betrachtungsweise der Körperfunktionen aller Geschlechter und den sozio-kulturellen Normen hinter gesellschaftlicher Etikette.